Erkenntnisse durch die Psychotherapie
Auch hier möchte ich noch einmal sagen, dass auch dieser Weg für mich noch lange nicht zu Ende ist. Auch hier gilt:
DER WEG IST DAS ZIEL
Wie wichtig ist ein guter Psychotherapeut?
EIN BEISPIEL: Mach es allen recht
Einflüsse unserer Gesellschaft auf die Krankheitsbewältigung

Wie wichtig ist ein guter Psychotherapeut?
Mit Psychotherapie hatte ich schon vor meiner Diagnose angefangen....genauer gesagt mit Verhaltenstherapie. Mir hatte niemand geglaubt und meine Diagnose war Vegetative Störung oder so ähnlich. Mein Hausarzt riet mir, mit einer Therapie anzufangen. Er nannte mir die Adresse eines persönlichen Freundes von ihm. Dieser war Verhaltenstherapeut. Der Mann war leicht seltsam....ich bin gar nicht zum Reden gekommen....ich musste IHM zuhören....wie so das wirkliche, das richtige Leben, Denken und Fühlen aussieht.....also so hatte ich mir Psychotherapie nicht vorgestellt. Ich hatte doch Probleme....und wollte davon erzählen. In der Zwischenzeit hatte ich auch meine Diagnose bekommen. Der Mann wusste bestimmt eine Menge und hatte eine grosse Lebenserfahrung. Aber er liess mich einfach nicht zu Wort kommen.....und ich lerne nicht dadurch, dass mir andere ihre Lebensweisheiten als absolute Wahrheit hinstellen....das muss von mir selber kommen....von innen raus. Ich hab jedesmal mit Schrecken dran gedacht, wenn die Psychotherapiestunde wieder vor der Tür stand. Ich hab versucht, ihm ein paarmal zu sagen, was mir wichtig ist, aber das hat nichts genutzt. Ich hab mit meinem Neurologen darüber geredet und eines Tages war ich so dermaßen fertig, dass mein Neurologe mir dringend riet, die Therapie abzubrechen. Das hab ich dann auch getan....nach fast einem Jahr habe ich es endlich fertiggebracht, zu sagen, dass ich gehen will. Dank der Ermunterung durch meinen Neurologen.

Ich habe dann in dieser Zeit mit Visualisieren angefangen. Ich habe diese Technik aus einem Buch von Shakti Gawain gelernt.....und ich möchte sie auch für andere etwas näher beschreiben (Link auf der Startseite...). Das ist so eine Unterhaltung zwischen einzelnen Stimmen, Personen ....sie läuft im Inneren, über Bilder ab.....durch Vorstellung. Ich habe auf diese Art sehr viel über mich gelernt. Ich sah richtige fortlaufende, bewegte Bilder....ich hab mir die nicht überlegt....die Bilder sind einfach so vor meinen (geschlossenen) Augen entstanden.
Ein halbes Jahr später habe ich mich wieder in das Abenteuer Psychotherapie gestürzt, weil ich gemerkt habe, dass ich alleine nicht weiterkomme ;-)....ich brauchte auch jemanden, mit dem ich über meine neuen Erkenntnisse reden konnte, jemand, der mir nicht so nahe stand. Und diesmal war´s ein Volltreffer :-). Diesmal war´s eine Therapeutin (wobei ich damit nichts gegen Therapeuten sagen will ;-).....sie war noch in der Ausbildung.....kurz vor dem Abschluss. Aber echt gut. Sie hat so einige meiner Kindheitstraumen mit mir rausgearbeitet....und das, was im Moment schiefläuft....aber nicht so, dass ich dann dagesessen bin und nur zugehört habe und ihren Ratschlägen gefolgt bin.....nein, ich musste schon selber draufkommen....sie hat sehr viel mit Bildern, mit Tagträumen gearbeitet, weil sie merkte, dass ich damit sehr gut zurecht komme. Ich denke mal, dass diese Methode nicht für jeden gleich geeignet ist. Aber bei mir ist es so....wenn mir jemand etwas über Bilder erklärt, so verstehe ich ihn viel besser wie jemanden, der mich auf der intellektuellen Ebene anspricht. Bei anderen Menschen mag das umgekehrt sein. Aber das muss jeder für sich selber herausfinden. Leider mussten wir die Therapie dann nach einem Jahr beenden, da meine Therapeutin ja nur für eine beschränkte Zeit Psychotherapiestunden geben konnte (Ausbildung).
Psychotherapeuten sollten auf ihre Klienten eingehen, ihnen nur das Werkzeug in die Hand geben, damit jeder für sich selbst den ihm entsprechenden Weg findet. Leute, die mir gesagt haben, was gut für mich ist und welchen Weg ich gehen soll, kenne ich schon zu Genüge. Dazu muss ich keine Psychotherapie machen. Wie sagte mal mein früherer Hausarzt zu mir? Was ist das Gegenteil von gut?......Antwort: Gut meinen!
Mein dritte Therapeutin war genauso in Ordnung wie die vorherige. Auch sie ging auf mich ein, berücksichtigte meine Vorliebe für die Arbeit mit Bildern und gab mir keine Ratschläge, sondern überliess es mir, was ich mitnehmen wollte aus den jeweiligen Stunden. Sie und auch die vorherige Therapeutin werteten beide nicht. Ich durfte so sein, wie ich bin. Diese Therapie haben wir dann trotzdem nicht mehr verlängert, weil es eigentlich sinnig ist, eine Therapie auch mal wieder zu beenden und zu versuchen, alleine die gewonnenen Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen. Ich habe jedoch das Angebot erhalten, jederzeit wieder mit der Therapie beginnen zu können.

Ein wichtiges Thema war der Punkt Verantwortung übernehmen....was heisst das jetzt für mich? Wohl nicht das, was es so im herkömmlichen Denken bedeutet. Ich kann dieses Thema auch nur für mich selber beantworten.
Für mich bedeutetet es, Verantwortung für mich selber zu übernehmen. Wie passt denn das jetzt zu dem unteren Thema: Mach es allen recht? Ich hab mich um alle anderen gekümmert, nur nicht um mich selber. Und auch nicht darum, meine Pläne, meine Träume in die Tat umzusetzen.
Ich nehme mir auch jetzt noch viel vor und habe Pläne für meine Zukunft, Träume. Und sage, dass ich das heute mache. Und dann kommt mir doch etwas anderes dazwischen. Keine Zeit. Für mich? Wenn das, was ich vorhabe, mir unangenehm ist, dann verstehe ich mich ja fast ein bisschen. Aber wenn es etwas ist, das ich gerne mache und es trotzdem wegen anderer Dinge oder wegen meinen Ängsten oder weil andere auch etwas von mir wollen oder....hinausschiebe, dann ist das schon etwas schwieriger.
Einmal stellte mir jemand die Aufgabe, dass ich sagen sollte, was ich denn an mir gut finde. Es war beängstigend, wie wenig ich da fand. Auf die Frage, was ich denn an mir schlecht finde, wusste ich unendlich viele Antworten. Mir wurde gesagt, dass das normal sei. Und trotzdem fand ich es nicht gerade aufbauend, was ich von mir selber hielt.
Entscheidungen treffen!! Bevor jemand anderes für mich entscheidet. Und dann auch gewillt sein, die Folgen von meinen Entscheidungen zu tragen. Ich denke, dass ich Entscheidungen sehr oft ausgewichen bin und dadurch anderen Menschen diese Entscheidungen übertrug. Was auch bedeutete, dass ich die Verantwortung für mein Leben an andere abgegeben habe.

Das waren jetzt Ausschnitte aus den Stunden meiner Psychotherapie.
Psychotherapie hilft mit, solche Verhaltensweisen zu erkennen und wenn nötig, zu verändern. Vielleicht waren diese Verhaltensweisen früher einmal notwendig und sicherten das psychische Überleben. Für mich war es gut, dass ich diese Verhaltensweisen auf ihre Notwendigkeit hin überprüft habe und dann neu für mich entscheiden konnte, was ich beibehalten möchte und was ich ablegen möchte. Manches habe ich als zusätzlichen Ballast erkannt, mit manchem habe ich auch jetzt noch zu kämpfen. Und ich werde immer wieder auf´s Neue mit diesen alten Verhaltensweisen konfrontiert. Zur Zeit mache ich keine Psychotherapie mehr. Und doch werde ich immer wieder an diese Stunden erinnert. Wenn ich wieder in meine alten Fahrwasser gerate. Im Unterschied zu früher verfüge ich jetzt aber über Möglichkeiten, dieses Problem anzugehen. Zumindest für einige Zeit. Und irgendwann verschwinden dann vielleicht diese überflüssig gewordenen Verhaltensweisen aus meinem Leben.
Weiter unten habe ich zu diesem Thema noch einen seperaten Abschnitt zum Thema: EIN BEISPIEL: Mach es allen recht beschrieben.
Vor Kurzem war bei uns Sperrmüll und ich bin durch´s ganze Haus gezogen, um herauszufinden, was ich denn rausschmeissen könnte. Und es war erstaunlich, was schon jahrelang in den Ecken vor sich hinschlummerte, ohne irgendwann auch nur einmal von mir in die Hand genommen worden zu sein. Bei manchen Dingen, von denen ich mich trennte, spürte ich einfach Erleichterung.Über andere Dinge freute ich mich auch. Ich hatte sie schon ewig nicht mehr gesehen und sie waren mit positiven Erinnerungen verbunden. Im Haus gibt es seit diesem Tag wieder viel mehr Freiräume und Plätze zum neu gestalten....
.....es war ein guter Tag....
Ein Beispiel: Mach es allen recht
In diesem Abschnitt geht es um ähnliche Erkenntnisse wie im oberen Abschnitt. Mit dem Versuch eines Zusammenhangs mit der Vergangenheit. Die angesprochenen Punkte sind das Wissen um meinen Weg....gehen muss ich ihn alleine....ich bin noch am Anfang meiner Reise, auch mit Rückschritten, aber ebenso mit weiten Schritten nach vorne.
Eine angehende Transaktionsanalytikerin (TA) hat mit mir mal einen Test gemacht, was so mein prägender Lebenssatz ist....Mach es allen recht....kam dabei raus. Hmmmm.....ich konnte mich da sehr wohl wiederfinden....bei mir galt so das Motto: nur jeden Streit vermeiden....schau, dass es den anderen gut geht....aber das habe ich nicht aus selbstlosen Gründen gemacht....ich hatte auch etwas von dieser Entscheidung.....ich wurde geliebt....hätte ich angefangen, meinen Willen durchzusetzen, dann hätte das womöglich Liebesentzug bedeutet. Habe ich meinen Willen doch mal durchgesetzt, dann blieben Schuldgefühle zurück.
Als Kind war ich dem wehrlos ausgesetzt....ich hatte nicht viel andere Wahlmöglichkeiten....jetzt habe ich die Möglichkeit, mich anders zu entscheiden....ich lerne, mich selber mehr zu mögen. Und nicht unbedingt auf die Liebe der anderen angewiesen zu sein.....klar braucht jeder Mensch andere Menschen....aber wenn ich keine Angst vor Liebesentzug habe, dann traue ich mich auch, meine eigenen Wünsche mehr vorzubringen....und so einen Ausgleich zu schaffen zwischen den Forderungen der anderen und meinen eigenen Bedürfnissen. Ein schwieriger, langer Weg, aber in kleinen Schritten begehbar.
Durch meine frühere Verhaltensweise war ich für andere total undurchsichtig....ich hab viel zu selten meine eigene Meinung kundgetan, meine eigenen Wünsche vorgebracht.....HALT: Zuhause im vertrauten Kreis ging das eher.....aber in meinem weiteren Umfeld habe ich mich wohl so verhalten.....so paradox das klingen mag....aber die MS hat mich dazu gebracht, auch mal mehr meine eigenen Wünsche zu berücksichtigen. Und nicht aus Angst, die Liebe der anderen Menschen zu verlieren, meine eigenen Träume hinten anzustellen.
Eigene Wünsche, Aggressionen, Wut und Trauer oder Tränen und Angst waren früher negativ besetzt, mit Schuldgefühlen beladen. Themen wie zum Beispiel Tod oder Sexualität, Probleme in der Familie wurden zu Hause ausgeklammert. Darüber redet MAN nicht. Tja, ich hab gelernt, dass diese Verhaltensweisen, diese Themen, auch zu mir dazugehören....ich hatte Teile von mir einfach abgeschnitten....manche schon als Kind, andere erst später.

Diese Teile wieder herzuholen, sie zuzulassen....ist immens schwierig.....das ist so eine Art Trauerprozess.....und ich komme auch jetzt immer wieder in meine alten Fahrwasser.....das ist eine Arbeit, die nicht von jetzt auf nachher erledigt ist....die alten Verhaltensmuster wurden jahrelang gelernt und angewandt....sie lassen sich nicht von heute auf morgen einfach zur Seite schieben.....
Vielleicht sind die alten Wege auch einfach die bequemeren Wege geworden. Die Psychotherapie hat mich dazu gebracht, darüber nachzudenken. Und die Verantwortung für mein Leben selber zu übernehmen (nicht zu verwechseln mit Kontrolle über mein Leben). Mich nicht mehr als Opfer zu fühlen. Und das gute Gefühl zu haben, selbst etwas für mich tun zu können.

Einflüsse unserer Gesellschaft auf die Krankheitsbewältigung
Und jetzt möchte ich noch ein bisschen über chronische Krankheiten erzählen. Über die Veränderungen, die sie für den Einzelnen, bewirken können....wie sich die Erwartungen der Gesellschaft auf das Selbstwertgefühl eines (chronisch) Kranken auswirken. Welchen Einflüssen er ausgesetzt ist....und welche Möglichkeiten er hat, sich ihnen entgegenzustellen. Ich möchte darüber schreiben, welche Verarbeitungsphasen chronisch Kranke durchleben und wie wichtig es ist, einen Menschen zu kennen, dem man vertraut und der einem zuhört....und der einen trotz der Krankheit nicht fallen lässt. Aber auch, dass der Kranke sich auf sich selber besinnt....dass er sich selber zuhört und sich selber wichtig nimmt und sich nicht selber in eine Ecke stellt als unbrauchbares Mitglied der Gesellschaft.
Fortsetzung folgt.....
© GabiGödrich